4. Placeboergebnisse

 

 

Die besondere psychologische Situation der mit der Durchführung der Versuche beauftragten Diplomanden verhindert eine kritische Auswertung der Versuchsdaten. Die ermittelten Resultate sind Ergebnisse eines "Placebo-Effekts".

Wie erwähnt, führen die Versuche nicht zu genauen, objektiven Messergebnissen, sondern der Experimentierende muss einen großen Anteil des Wertes, der als Messergebnis in die Versuchsauswertung einfließt, schätzen. Dabei hat er eine große Freiheit, den Schätzanteil höher oder niedriger zu wählen, ohne sich vorwerfen zu müssen, den Wert vorsätzlich manipuliert zu haben. Dieser Schätzwert wird zwangsläufig von der psychologischen Situation beeinflusst, in der sich der Experimentierende befindet.

Naturwissenschaftler, die Versuche mit homöopathischen Verdünnungen durchführen, haben nicht die Absicht nachzuweisen, dass Lösungen, die so weit verdünnt sind, dass sie keine Wirkstoffmoleküle mehr enthalten, auch keine Wirkung haben - das weiß sowieso jeder Naturwissenschaftler - sondern sie wollen den Nachweis führen, dass die Versuche zu einem von der wissenschaftlichen Gemeinschaft nicht erwarteten Ergebnis führen. Sie haben ein persönliches Interesse daran, dass die Versuche zu bestimmten von ihnen erhofften Ergebnissen führen.

Die Thematik von Versuchen wird üblicherweise von den Arbeitsgruppenleitern festgelegt. Die Durchführung der Experimente obliegt den Mitarbeitern, in diesem Falle den Diplomanden. Diese befinden sich in einer persönlich schwierigen Situation, denn für ihre Karriere sind sie auf das Wohlwollen der Arbeitsgruppenleiter angewiesen. Es ist schwer vorstellbar, dass ein Diplomand Versuchsergebnisse vorweist, welche eine Behauptung oder ein veröffentlichtes Resultat seiner Vorgesetzen widerlegt. Das wiegt um so schwerer, je mehr die Erwartungen, die an die Versuchsergebnisse geknüpft werden, von der vorherrschenden wissenschaftlichen Meinung abweichen und je mehr die verantwortlichen Wissenschaftler ihr persönliches Prestige, durch Vorträge oder andere Veröffentlichungen, mit den erwarteten Ergebnissen verbunden haben.

Es wäre unrealistisch anzunehmen, dass in einer solchen Situation der mit der Durchführung der Experimente Beauftragte nicht bei den Kontrollen zu etwas höheren und bei den Belladonnawerten zu niedrigeren Schätzungen kommt. Der Spielraum, den der Schätzende dabei hat, entspricht etwa der von den Autoren veröffentlichten Hemmung von ca. 15-20%. Das bei allen naturwissenschaftlichen Versuchen erforderliche hohe Maß an Selbstkritik gegenüber den eigenen Versuchen kann unter diesen Umständen von den Diplomanden nicht erwartet werden.

In Anlehnung an die in der Medizin, insbesondere in Bezug auf die Wirkung homöopathischer Heilmittel, häufig gebrauchte Bezeichnung "Placebo", kann man hier von Placebo-Ergebnissen sprechen. Entsprechend der Übersetzung des lateinischen Wortes "Ich werde gefallen", sind Placebo-Ergebnisse solche Ergebnisse, mit denen der Experimentierende dem Arbeitsgruppenleiter bewusst oder unbewusst gefallen will.

"You get what you expect", diese prägnante Formulierung benutzen die Angelsachsen, um eine solche Situation zu kennzeichnen. Bekannt geworden ist der Rosenthal-Effekt. Wir entnehmen die kurze Beschreibung des dem Effekt zugrunde liegenden Versuchs einer Webseite von Baumann und Frings [15] und hier dem Kapitel über "Irrtum, Täuschung und Betrug in der Wissenschaft"

"Wie sehr die Erwartungshaltung des Versuchsleiters den Ausgang eines Experimentes beeinflussen kann, hat der Psychologe Robert Rosenthal sehr eindrucksvoll nachgewiesen. Er ließ seine Studenten zwei Gruppen von Ratten untersuchen: Von der einen Gruppe behauptete er, sie besäßen nach einem ausgefeilten Züchtungsprogramm eine ungewöhnlich gut ausgeprägte Orientierungsfähigkeit. Diese "labyrinthkompetenten" Tiere sollten bei Orientierungsversuchen in einem Labyrinth besonders gut abschneiden - weit besser als Kontrolltiere, die nicht aus dem Züchtungsprogramm stammten.

Die Studenten testeten die Ratten im Labyrinth und, wie sie erwartet hatten: Die "labyrinthkompetenten" Ratten fanden sich im Labyrinth schneller zurecht als die Kontrolltiere

Tatsächlich aber gehörten sowohl "labyrinthkompetente" als auch Kontrolltiere der gleichen Standardrasse an. Der einzige Unterschied zwischen Test und Kontrolle lag darin, dass die Studenten von den angeblich auf Hochleistung gezüchteten Testtieren mehr erwarteten als von den "dummen" Kontrolltieren"


Unabhängig von dem Einfluss der in einer Arbeitsgruppe wirksamen Hierarchie gibt es psychologische Effekte, die denen des "Groupthink" [14] ähnlich sind und in diesem Zusammenhang nicht unterschätzt werden sollten.

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