Anmerkungen zur Homöopathie

 

 


Die Homöopathie wurde vor ca. 200 Jahren von dem Arzt Samuel Hahnemann begründet. Er postulierte, dass Substanzen, die in konzentrierter Form bei gesunden Menschen bestimmte Symptome einer Krankheit hervorrufen, im Stande sind, Krankheiten mit diesen Symptomen zu heilen, wenn die gleichen Substanzen in verdünnter Form verabreicht werden, "Similia similibus curentur!". Um wirksam zu werden, müssen die Substanzen nach der homöopathischen Lehre noch "potenziert" werden. Dabei werden die Substanzen, ausgehend von einer Urtinktur, in einzelnen Schritten um eine oder zwei Zehnerpotenzen verdünnt Ein Präparat mit der Bezeichnung D6 ist eine 106-fache Verdünnung der Urtinktur etc.

Die Autoren der Arbeit berichten über "Ergebnisse", die mit Verdünnungen D32, D60 und D100 erzielt worden sein sollen. Die folgende Abschätzung soll dem Laien eine Vorstellung von der auf diese Weise zu erreichenden Verdünnungen geben: Würde ein Tropfen einer Belladonna-Urtinktur mit einer Wassermenge verdünnt, die einen Würfel ausfüllte mit der Kantenlänge von 108 km (Entfernung der Erde von der Sonne), könnte damit etwa eine Verdünnung von D42 erreicht werden.

Hahnemann hat für die Verdünnungsprozedur feste Regeln aufgestellt: Die Flaschen müssen durch Schläge auf ein Lederpolster geschüttelt werden. Homöopathen nehmen an, dass auf diese Weise das Wasser "energetisiert" werde und die ursprüngliche Substanz als "Abbild" oder als eine unbekannte Form von Energie in der Lösung erhalten bleibt, auch dann, wenn die Verdünnung so hoch ist, dass keine Moleküle der Ursubstanz mehr in der Lösung enthalten sind.

Diese Annahmen sind mit naturwissenschaftlichen Vorstellungen unvereinbar. Aus physikalisch-chemischer Sicht ist es undenkbar, dass pharmakologisch wirksame Strukturen der Ursubstanz im Wasser erhalten bleiben, weil Wasserstoffbrücken in Bruchteilen von Sekunden umgehängt werden und Aggregate oder "Cluster", die als "Abbilder" von Arzneimitteln dienen könnten, nicht stabil sein können.

Es soll nicht in Frage gestellt werde, dass homöopathische Präparate heilende Wirkungen haben können, wie andere Placebos auch. Hier geht es ausschließlich um die Frage, ob die von den Autoren veröffentlichten Versuche geeignet sind, um, wie sie formulieren, "...durch analytisch-chemische und pharmakologische Methoden einen Wirkungsnachweis mit naturwissenschaftlich fundierter Begründung" zu erbringen. Weitere Informationen finden sich im Internet beispielsweise in [1,2,3,4].

Die klassische Homöopathie sieht den kranken Menschen als Objekt einer ganzheitlichen Therapie. Sie begreift ihn als eine geistig- seelische Individualität in einer bestimmten Situation . Deshalb gibt es in der Homöopathie keine Heilmittel die generell gegen bestimmte Krankheiten wirken. Der Homöopath sieht seine Aufgabe darin, herauszufinden, welches Arzneimittel bei einem Patienten mit einem individuellen Persönlichkeitsprofil wirksam sein könnte. Deshalb muss der Homöopath zunächst durch eine eingehende Befragung [17], die meist  mehrere Stunden dauert, sich ein umfassendes Bild von der Persönlichkeit des Patienten und der besonderen Situation machen, in der er sich befindet, erst dann kann er das geeignete Arzneimittel für den Patienten finden. Nach den Vorstellungen der Homöopathie wirkt dieses passende Arzneimittel nicht dadurch, dass es eine naturwissenschaftlich messbare Wirkung entfaltet, sondern durch eine nicht näher beschriebene geistige Kraft, die den Körper befähigt, durch Aktivierung der eigenen Selbstheilungskräfte wieder das gesunde Gleichgewicht zu erreichen

In Hahnemanns eigenen Worten (Organon der Heikunst 6. Auflage,   §270,    Fußnote 7):

 "Ungemein wahrscheinlich wird es hiedurch, daß die Materie mittels solcher Dynamisationen (Entwickelungen ihres wahren, innern, arzneilichen Wesens) sich zuletzt gänzlich in ihr individuelles geistartiges Wesen auflöse und daher in ihrem rohen Zustande, eigentlich nur als aus diesem unentwickelten geistartigen Wesen bestehend betrachtet werden könne."

 Die Autoren haben das Prinzip der Homöopathie gründlich missverstanden. Sie gehen davon aus, dass ein homöopathisches Mittel, in diesem Falle Belladonna, in einer hochverdünnten Form auf den gleichen Rezeptor wirken müsse, wie in konzentrierter Form. Das ist, im homöopathischem Sinne, der falsche Denkansatz, denn (1) entspricht dieses rein mechanistische Denken nicht der ganzheitlichen Vorstellung der Homöopathie und (2) müsste dann auch die Untersuchung dem Persönlichkeitsprofil des Patienten bzw. im konkreten Fall der Ratten, angepasst werden. Ein weiterer angeblich durch die Autoren gemessener Effekt steht ebenfalls nicht mit homöopathischen Vorstellungen in Einklang: In höheren Konzentrationen wirkt Belladonna hemmend auf die Muskelkontraktion. Das ist wissenschaftlich gut belegt. Dann wird, so berichten die Autoren,  bei steigender  Verdünnung ein Konzentrationsbereich durchlaufen, bei der Belladonna die Muskelkontraktion angeblich steigert um schließlich bei sehr hohen Verdünnungen wieder eine hemmende Wirkung zu entfalten.



Naturwissenschaftler, die es für möglich halten, dass homöopathische Hochpotenzen pharmakologisch wirksam sind, und Experimente veröffentlichen, die dies beweisen sollen, müssen damit rechnen, dass Ihre Arbeit einer besonders kritischen Betrachtung unterzogen wird.

Zu den unabdingbaren Forderungen an Untersuchungen, die eine pharmakologische Wirkung von homöopathischen Arzneimitteln nachweisen wollen, gehören:
  • Eine saubere Dokumentation der Versuche
  • Vorlage von Zahlenmaterial das eine Überprüfung erlaubt.
  • Selbstkritische Wertung der Versuchsergebnisse
  • Nachweis der Reproduzierbarkeit der Versuche
  • Vermeidung von Versuchssituationen bei denen eine, wenn auch unbewusste, Selektion von Versuchsdaten stattfinden könnte

Besonders der letzte Punkt ist wichtig. Angesichts der sensationellen Ergebnisse, über welche die Autoren berichten, wäre es notwendig gewesen, alle Versuche zu verblinden, so dass der Experimentator nicht weiß, welche Verdünnung er testet.

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