Homöopathische elektromagnetische Wellen

 

 


In einer der Fernsehsendungen (ARD am 10.03.04) kommt einer der Autoren zu Wort:

Prof. Wolfgang G. Süß, Universität Leipzig, Institut für Pharmazie, erklärt: "Nun ist das Atropin aber gar nicht mehr drin. Das heißt: Wir brauchen ein Abbild des Atropins in dem Lösungsmittel. In welcher Weise aber nun dieses Abbild wirkt, über eine elektromagnetische Welle, das wissen wir noch nicht."

Prof. Süß hat in einem Vortrag mit dem Titel "Neue Ergebnisse experimenteller Homöopathieforschung"  den er im  Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinische Produkte gehalten hat, näher erläutert, wie er sich die Wirkung der elektromagnetischen Wellen vorstellt. Die hier angeführten "Forschungsergebnisse" stammen unzweifelhaft aus der "Esoterikecke". In einem Teil seines Vortrags referiert er über seine Vorstellungen von der Wirkungsweise der Homöopathie.  Wir geben hier nur den Inhalt einiger Folien wieder:

Folie Nr. 61:

Kaulquappen -Metamorphose

Thyroxin beschleunigt die Metamorphose Zusätzlich.
Zutropfen von Thyroxin D30
in das Beckenwasser alle 48 h verlangsamt die
Metamorphose.

P.C. Endler, W. Pongratz, G. Kastberger, F.A.C. Wiegant,
J.SchulteJ. Vet. Hum. Tox. 36, 56 -59 (1994)


Folie Nr. 62

Der Geist in der Flasche

Auch ein Einhängen der geschlossenen
Phiole mit Thyroxin D30 in die Wasserbecken zeigte die gleichen Resultate bezüglich der Kaulquappen-Metamorphose
 

Folie Nr. 63:
 folie63

Die Autoren steckten die Flasche mit Thyroxin D30 in eine Spule, die sie an einen Verstärker anschlossen. Angeblich gelang es ihnen, Biosignale zu speichern und auf eine CD zu übertragen. Umgekehrt konnte, so die Autoren, die CD abgespielt und über eine Spule die Bioinformation wieder auf eine Flasche Wasser übertragen werden, die dann bei den Kaulquappen den gleichen Effekt hervorgerufen haben soll, wie das Original-Thyroxin D30.  Wir wollen hier diesen Unsinn nicht weiter diskutieren, sondern nur anmerken, dass im Rahmen einer Diplomarbeit an der Universität Tübingen die angebliche Wachstumshemmung durch Thyroxin D30 überprüft und widerlegt wurde [20].

Der uninformierte Zuhörer des Vortrages von Prof. Süß musste den Eindruck gewinnen, es handele sich hier um ein seriöses Forschungsergebnis, das als Artikel in der hoch angesehen Zeitschrift FASEB J. erschienen sei. Alle Beiträge in dieser Zeitschrift werden vor der Veröffentlichung begutachtet. Nur der Buchstabe A vor der Seitenzahl deutet darauf hin, dass es sich hier nicht um eine wissenschaftliche Arbeit, sonder nur um ein Abstract eines Kongressposters handelt (eines von sechs Abstracts auf jeder Seite). Jeder kann als Posterbeitrag für eine Tagung ein solches Abstract anmelden, es wird ungeprüft in die Zeitschrift übernommen. Es ist nicht einmal erforderlich, an der Tagung selbst teilzunehmen.
 

Folie 64

In welcher Weise kann ein niederenergetisches
elektromagnetisches Feld mit dem Organismus
interagieren?

  • Biophotonen -Theorie (F.A. Popp, M. Bischof)Zentraler Speicher und Sender der kohärenten Biophotonen-Strahlung ist Chromatin im Zellkern
  • Biophotonen-Strahlung reguliert chemischeReaktionen in der Zelle (etwa 100 Mill./s)
Folie 65:

Homöopathie/Bioresonanz:
Ausgleich der Fehlinformationen
durch "ähnliche" (interferenzfähige)
elektromagnetische Felder

Es kommt also nicht auf Menge und Stärke,
sondern auf Resonanzabstimmung an.


Diese "Erkenntnisse" stammt eindeutig aus der Esoterikecke. Dafür stehen auch die Namen der angeblichen Wissenschaftler. Typisch ist, dass hier Begriffe aus der Wissenschaft verwendet werden, die bei dem unwissenden Zuhörer den Eindruck erwecken, es handele sich um streng nach naturwissenschaftlichen Methoden gewonnene Einsichten.

Es  kann hier aus Platzgründen nicht auf Einzelheiten eingegangen werden, deshalb sollen hier nur einige Gesichtspunkte angeführt werden.

Man kann die Interaktion des AcCh bzw. des Atropins mit dem Rezeptor auf der Muskelzelle, die schließlich zur Kontraktion des Muskels führt, mit einem Schlüssel-Schloß-Mechanismus vergleichen. AcCh entspricht dem passenden Schlüssel mit dem man das Schloss öffnen kann, Atropin dagegen einem Schlüssel, der zwar in das Schloss passt, dem aber ein paar Kerben fehlen, so dass man ihn nicht drehen kann.  Er kann aber, wenn er im Schloss steckt, die Einführung des richtigen Schlüssels verhindern.

Wenn Prof. Süß in Betracht zieht, dass Elektromagnetische Wellen genauso, wie Atropin, die Bindung des AcCh an den Rezeptor verhindern könnten, dann müsste er erklären,
  • wie  die Information über die molekulare Struktur des Atropins während des Schüttelvorgangs in eine elektromagnetische Welle übertragen werden könnte,
  •  wie diese Welle im Wasser gespeichert werden könnte,
  • wie die elektromagnetische Welle selbst am Rezeptor den gleichen Effekt hervorruft könnte, wie die Bindung des Biotins.
Diese Vorgänge können mit Sicherheit ausgeschlossen werden. Es ist bemerkenswert, wie unbekümmert die Befürworter  solcher "Theorien" sich über elementare, gesicherte naturwissenschaftliche Kenntnisse hinwegsetzen.

Die Wechselwirkungen zwischen elektromagnetischen Wellen und Materie sind seit vielen Jahrzehnten in allen Einzelheiten bekannt. Die niederenergetischen Wellen, von denen Prof. Süß spricht (30 Hz bis 18kHz), können allenfalls zu einer Erwärmung des Lösungsmittels beitragen, aber keine Moleküle oder Atome anregen. Es gibt auch keine Resonanz, da im Wasser keine Strukturen vorhanden sind, die mit solchen Wellen in Resonanz treten könnten.

Es ist sicher ein einmaliger Fall, dass ein Professor einer deutschen Universität, Naturwissenschaftler, in einer Bundesbehörde einen Vortrag mit esoterischem Inhalt hält.


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