DER SPIEGEL 21/2001
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Esoterik
 
Schwarzwälder Kopernikus

Wodurch entsteht Krebs? Warum brechen Vulkane aus? Wie funktioniert das Gedankenlesen? Ein Professor in Furtwangen will die größten Welträtsel gelöst haben.

Erstaunliche Fragen tun sich auf in der Vorlesung von Professor Konstantin Meyl. Zum Beispiel: Wie lese ich während der Physikprüfung die Gedanken meiner schlauen Banknachbarin? Wo liegt der Schlüssel für sämtliche Energieprobleme? Oder: Warum gehen immer wieder Menschen einfach so, ohne sichtbaren Anlass, in Flammen auf?

An der Fachhochschule Furtwangen, mitten im Schwarzwald, ragt der Elektrotechniker Meyl damit unter allen Kollegen hervor. Die anderen haben nur den Aufbau der Drehspule zu bieten oder das Wirkungsgeheimnis des Wattstundenzählers. Meyl aber hat etliche Welträtsel gelöst.

Es sind die Neutrinos, sagt der Professor, die überall ihr heimliches Wesen treiben. Diese schier unfasslichen Elementarteilchen halten seiner Lehre zufolge die ganze Natur in Gang. Wer sie erhascht, hat Energie im Überfluss. Wer sie geistig bändigt, liest fließend in fremden Köpfen. Wer ihnen aber arglos in die Quere kommt, kann Feuer fangen.

Die Teilchenphysik dagegen weiß: Neutrinos bewirken so gut wie gar nichts. Sie rasen zu Abertrillionen durch den Erdball, ohne auch nur abzubremsen. Sie durchdringen alle Materie, als wäre sie nicht vorhanden. Die spukhaften Teilchen sind nicht elektrisch geladen, und sie haben, wenn überhaupt, nur eine verschwindend geringe Masse. Deshalb ist es schwer genug, sie nachzuweisen.

In Japan steht ein überaus empfindlicher Detektor: ein unterirdischer Tank, der mit 50 000 Kubikmeter Wasser gefüllt ist. In jedem Kubikmeter geistern Hunderte Millionen Neutrinos herum. An einem durchschnittlichen Tag kollidieren aber im gesamten Tank nur sechs dieser Teilchen mit einem Wassermolekül - das ist die einzige Spur ihres Daseins.

Meyl kann über solche Tatsachen nur lachen. Vor seinen Studenten schmäht er die "Wissenschaftsverhinderer", denen mitsamt ihren gewaltigen Messapparaten die Hauptsache entgangen sei: Insgeheim nämlich verwandeln sich die Neutrinos immer wieder in Teilchen mit Masse und Ladung. Das hat er ausgerechnet. Sehen könne man es obendrein: Der Erdball, sagt Meyl mit zwinkerndem Verschwörergrinsen, schwelle bedrohlich an: "Und warum? Die Sonne pumpt ihn auf mit Neutrinos."

Noch vor 200 Millionen Jahren hatte der Heimatplanet laut Meyl nur die Hälfte seines heutigen Durchmessers. Weil der Druck seither stetig steigt, reißen die Tiefseegräben auf, und die Kontinentalplatten driften auseinander. Der ganze Planet platzt aus den Nähten. Auch der Vulkanismus: ein Blähungsproblem.

Seit fünf Jahren verbreitet Meyl seine Funken sprühenden Theorien an der Fachhochschule Furtwangen. Die Studenten erleben eine Achterbahnfahrt durch ein phantastisches Weltgebäude, von seinem Schöpfer mit Feuereifer präsentiert.

"Ha no, mir glaubet des scho!", sagt nach dem Donnerstagsseminar ein Student der Elektrotechnik. "Sehr anregend" sei der Professor. Ein Kommilitone pflichtet ihm bei: "Einige von uns überlegen, später mit Herrn Meyl zusammenzuarbeiten."

Der Revolutionär macht kein Geheimnis aus seinem Umsturzwillen. Im Verzeichnis seines Fachbereichs "Computer & Electrical Engineering" ist Meyl eingetragen mit Schwerpunkt "Neutrino-Power".

Macht die Fachhochschule sich keine Sorgen um ihren Ruf? Um die Schutzbefohlenen? "Nein", sagt der Prorektor Werner Ruoss. Es sei ja nur eine "Wahlpflichtvorlesung", die nicht zur Grundausbildung gehört. "Und Sie müssen bedenken: Auch Kopernikus wurde seinerzeit verketzert."

So kommt es, dass Meyl landauf, landab Vorträge halten kann mit dem Amtsgewicht eines Hochschulprofessors. Seinem Publikum verheißt er das Ende aller Energieprobleme dank der unerschöpflichen "Neutrino-Power". Ein kleiner, selbstgebastelter Apparat dient ihm zum Beweis: zwei Kugel-Elektroden auf Stelzen, dazu billige Bauteile aus dem Elektronik-Markt. Damit kann Meyl, wie er beteuert, überlichtschnell Neutrino-Energie übertragen, die sich unterwegs auch noch wundersam vermehrt. Wer sich selbst davon überzeugen will, zahlt knapp 2800 Mark und bekommt dafür ein Exemplar der Wundermaschine im Koffer zugesandt.

Die Wissenschaft kennt weder "Neutrino-Power" noch die "Skalarwellen", die laut Meyl zwischen seinen Kugeln herumrasen. "Ich würde meinen Kopf verwetten, dass da nichts dran ist", sagt der Physiker Erich Lohrmann vom Hamburger Teilchenforschungszentrum Desy.

Dennoch behauptet Meyl immer wieder, er habe die Fachwelt herumgekriegt. "Einige Universitäten", schreibt er, "konnten die Effekte bereits bestätigen." Der "Schwarzwälder Bote" bejubelte prompt das Wirken des Eiferers. Schlagzeile: "Wissenschaftler sprechen von Sensation".

Wahr ist nur, dass Kollegen an anderen Hochschulen ihn hin und wieder zu Vorträgen einladen - so geschehen an der Uni Tübingen und der Universität der Bundeswehr in München. An die Technischen Universitäten Berlin und Clausthal wurden seine Vorlesungen sogar mittels Fernsehschaltung übertragen.

Etliche Experten haben Meyls Messungen nachgeprüft. Niemand fand eine Spur von Skalarwellen oder überlichtschnellen Neutrinos. Aber der Furtwangener Kopernikus wankt nicht: "Na ja, heute leugnen sie das natürlich."

Unter Esoterikern gilt Meyl inzwischen als kleiner Held. Das weltverlorene Wesen der Neutrinos öffnet ihm die Herzen jedweden geistersinnigen Publikums. Kein Mirakel, das der Universalfachmann nicht bereitwillig mit seinen Wunderteilchen erklärt: neben der Telepathie auch noch die Heilkraft von Edelsteinen, die Macht der Wünschelruten, den Krebs, das Unheil der Handy-Strahlen und das Löffelverbiegen durch Gedankenkraft. "Auch hier zeigt uns die Natur", schreibt Meyl, "eine Technologie zu einer umweltverträglichen Metallbearbeitung."

Spötter mögen sich vorsehen. Mit der "Neutrino-Power" ist nicht zu spaßen. Ein Ruckeln im kosmischen Gefüge, und schon brennen die Körperzellen des nächstbesten armen Teufels durch. "Plötzlich und lawinenartig", sagt Professor Meyl, sammeln sie "mehr Raum-Energie ein, als ihnen gut tut".

Es kommt zum Äußersten. "Dann fackelt sich ein Mensch vor den Augen seiner Mitmenschen selber ab!" So steht es im offiziellen Begleitbuch zu seinem Furtwangener Seminar.

"Auch von Heu", schreibt der Meister, "ist uns diese Gefahr bekannt."

MANFRED DWORSCHAK


 


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