Pseudowissenschaften im öffentlich-rechtlichen
Fernsehen

 


Der "Gisolf-Effekt"
 Der Teledoktor
und der Sauerstoffmangel

Kommentar von Dr. Klaus Keck


"Buffet" im ARD am 14. Juli 2006

Der Teledoktor, Aart Gisolf, weist seine Zuschauer auf eine bisher unbekannte Gefahr beim Autofahren hin: Wenn die Fenster nur wenige cm geöffnet werden, so entsteht ein Unterdruck im Wagen, der zu Sauerstoffmangel führen kann.

Ich schlage vor dieses Phänomen nach seinem Erfinder als "Gisolf-Effekt" zu bezeichnen.


Mit welchen Folgen müssen Autofahrer rechnen, die ihre Fenster aus Unkenntnis oder Leichtsinn einen Spalt breit öffnen?

Auf einer Webseite des
Staatlichen Amtes für Arbeitsschutz Köln, finden wir u.a.:

"Bei einem deutlich reduzierten Sauerstoffgehalt der Atemluft ist mit einer erhöhten Fehlerrate bei visuellen Aufgaben und im logischen Denken sowie mit einer verlängerten Reaktionszeit zu rechnen. "

Alarmierend ist die Beeinträchtigung der Gehirnfunktionen. Andere Autoren weisen darauf hin, dass auch die Gedächtnisleistung beeinträchtigt ist.

Das ist eine schlimme Sache! Leidet vielleicht die ganze Nation  zeitweise
unter Sauerstoffmangel? Der Teledoktor hat sich nicht darüber ausgelassen, wie lange es wohl dauert, bis der Körper sich wieder von dieser Störung seiner natürlichen Umweltbedingungen erholt hat.

Wenn der Teledoktor recht hat, so könnte man damit beispielsweise manche merkwürdigen Verhaltensweisen und Äußerungen von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens erklären. Wurde vielleicht aus der angekündigten Gesundheitsreform nichts, weil die Protagonisten vor der entscheidenden Sitzung im Wagen gefahren sind und das Fenster einen Spalt geöffnet hatten? Ist die Vergesslichkeit unserer Politiker bezüglich ihrer Wahlversprechen auf die Wirkung des Gisolf-Effektes zurückzuführen?

Vielleicht ist die niedrige Geburtenrate in unserem Land ebenfalls eine Folge des Gisolf-Effektes. Führt Sauerstoffmangel vielleicht zu der bei uns verbreiteten Zeugungsunlust? Hat schon jemand untersucht, ob das schlechte Abschneiden unserer Kinder  in der  Pisastudie nicht vielleicht auch auf Sauerstoffdefizit zurückzuführen ist?

Warum weisen die Hersteller der Fahrzeuge ihre Kunden nicht auf diese verborgene Gefahr hin, und konstruieren Fenster, die diese gefährliche Einstellung nicht zulassen?

Sind hier nicht gesetzliche Maßnahmen erforderlich, um die Menschen vor den bedrohlichen Auswirkungen des Gisolf-Effektes zu schützen? Warum unternimmt die Regierung nichts, um ihr Volk vor Schaden zu bewahren? 


Der Gisolf-Effekt aus naturwissenschaftlicher Sicht:

Nach dem Gesetz von Bernoulli muss in einem fahrenden Wagen, dessen Fenster einige cm geöffnet sind, in der Tat ein Unterdruck in Wageninneren entstehen. Bei weit geöffneten Fenstern wirkt die Verwirbelung diesem Effekt entgegen.

Die entscheidende Frage ist, ob dieser Unterdruck so groß ist, dass er zu einem Sauerstoffmangel führen kann?

Wie allgemein bekannt ist, nimmt der Luftdruck mit der Höhe ab. Siehe z.B. Wikipedia.  Auf Meeresniveau ist der Luftdruck unter Normalbedingungen 1013 hPa bzw. mbar. In Höhen von 2000 m muss man mit einem Luftdruck von ca. 750 hPa rechnen. In Passagierflugzeugen, wird ein Luftdruck von ebenfalls ca. 750 hPa aufrechterhalten. Verglichen mit dem Normaldruck von 1013 hPa haben wir hier also einen Unterdruck von ca. 250 hPa. Bei einer Bewertung des Unterduckes kann man diesen Druck als Vergleichswert betrachten. Liegt der durch den Gisolf-Effekt bewirkte Unterdruck über diesem Wert, dann muss ein Sauerstoffmangel in Erwägung gezogen werden.


Messung mit dem Barometer:

Mit einem Barometer bewaffnet habe ich mich mit einer Hilfsperson in den Wagen gesetzt und den Gisolf-Effekt gemessen. Wir haben verschiedene Stellungen der Fenster ausprobiert und den maximalen Unterdruck bei einer Öffnung der beiden vorderen Fenster von etwa 3 - 4 cm beobachtet:

Barometeranzeige bei geschlossenen Fenstern:                     1021.9 hPa
Barometeranzeige bei 3cm geöffneten Fenstern:                     1015,6 hPa
Berechneter Unterdruck (1021,9-1015,6):                                  6,3 hPa

Da der atmosphärische Luftdruck  mit der Höhe alle 8 m um 1hPa abnimmt, entspricht der Unterdruck also einer Höhendifferenz von ca. 50 m. Das ist etwa Kirchturmhöhe.

Hätte der Teledoktor recht, dann müssten alle Bewohner von Städten, die mehr als 50 m über dem Meeresspiegel liegen unter Sauerstoffmangel leiden.


Fazit:

Der Teledoktor hat falsch gemessen. Vielleicht hat er überhaupt nicht gemessen, sondern sich nur einen Bären aufbinden lassen. Er hätte ihn besser für sich behalten!


Ratschläge:
  • Messen Sie selbst - es ist so einfach!
  • Auch anderen Äußerungen des Teledoktors sollten Sie mit Skepsis begegnen und  sie einer kritischen Prüfung unterziehen.

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